SINFONIMA-Versicherte stellen sich vor, Teil VII:  Zu Gast im Brassatelier von Thorsten Mittag

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Rechts Thorsten Mittag, links sein Geselle Julian.

''Alles ganz normal hier'' - so beschreibt Thorsten Mittag seinen Werkstattalltag kurz und knapp. Doch tatsächlich steckt viel Geschichte dahinter. Diese hat er Isabelle Haupt bei ihrem Besuch im Brassatelier in Heidelberg erzählt.

"Alles ganz normal hier"

Es gab einen besonderen Moment, der Thorsten Mittag "weggehauen" hat, wie er selbst sagt: Dieser Moment war Ende der 70er der Song Caravan von Manhatten Transfer auf der LP Vocalese. Ab diesem Zeitpunkt schlug sein Herz für den Jazz. Der Grundstein zu einer tiefen Liebe zu Blechblasinstrumenten und deren Musik war gelegt.

Black Music haute ihn um
Schon etwas früher, mit 12 Jahren, zeichnete sich bereits das Interesse für diese Richtung ab. Thorsten Mittag war damals Mitglied im kirchlichen Posaunenchor. Zu dieser Zeit begannen erste rudimentäre Einflüsse der Black Music, z.B. Gospels, die in Deutschland bekannte Kirchenmusik aufzulockern. "Mich hat der neue Sound wahnsinnig beeindruckt," erinnert sich Mittag. Die Schallplatten und Hörgewohnheiten seiner Eltern, darunter erfolgreiche Tanzbands der 60er Jahre, Max Greger und Hugo Strasser, brachten ihn schnell dazu, seinen eigenen Schallplattenspieler zu bauen, um die Musik nach Belieben um sich herum haben zu können. Schließlich kam die erste eigene und selbst gekaufte Schallplatte dazu, mit einer Aufnahme von Porgy&Bess. Durch die Stimme von Ella Fitzgerald, begleitet von Louis Armstrong lernte er bewusst die menschliche Stimme als Instrument kennen und erkannte, dass die Sänger immer wieder versuchten, mit Hilfe ihrer Stimmen Blechblasinstrumente zu imitieren. Der Höhepunkt war jedoch ganz klar "Caravan". Thorsten Mittag bekommt auch heute noch leuchtende Augen, wenn er von diesem Moment erzählt: "Diese Tonalität war völlig neu für mich und hat mich schier umgehauen."

Das Handwerk(szeug) lernen
Diese totale Begeisterung entschied über jeden weiteren Schritt auf dem Weg zu seinem Beruf. Heute lacht er darüber, wie maßlos enttäuscht ihn die Erfahrung mit seiner Schulband und einer "schrecklichen Posaune" zurückließ: "Wir wollten 'Caravan' spielen aber nix hat funktioniert! Es war total schwierig, ich hatte zu dieser Zeit keinen Unterricht und alles läpperte einige Jahre so dahin." Erst als das Abitur geschafft war, erhielt er Unterricht in Karlsruhe; beim damaligen Dozenten für Posaune an der Hochschule für Musik. "Mein Lehrer Ünal Solak war damals bereits ein Irrsinns-Posaunist aber hatte es aufgrund seines türkischen Hintergrunds nicht leicht, sich in unsere deutsche Beamtenkultur einzufügen. Von ihm habe ich unglaublich viel gelernt, auch bekam ich Einblick in und Zugang zur Musikerszene."

Nach der Bundeswehr war er Feuer- und Flamme für sein Instrument und die Musik, die sich damit erschaffen ließ, was sich in stundenlangem Üben auf der Posaune zeigte. Trotzdem bestand zunächst nicht der Wunsch, diese Begeisterung auch beruflich umzusetzen. Er plante deshalb ein Industrial-Design-Studium. Nach einem Praktikum bei einem Metallinstrumentenbauer hörte er jedoch auf sein Gefühl und sein Herz – und begann eine Lehre in einer kleinen Werkstatt in Karlsruhe. Im Nachhinein betrachtet, sagt er heute, dass seine Risikobereitschaft damals sehr groß war, denn die Werkstatt beschäftigte zu dieser Zeit noch keinen ausgebildeten Instrumentenmacher. Doch damals folgte er einfach seinem inneren Bedürfnis, ohne mögliche Konsequenzen in Betracht zu ziehen. Er hatte Glück: Zu Beginn seiner Lehrzeit begann in der Werkstatt ein Meister aus einer renommierten Kölner Werkstatt. "In sehr kurzer Zeit habe ich unglaublich viel gelernt, habe jegliche Informationen wie ein Schwamm aufgesogen, so dass ich meine Gesellenprüfung nach nur 1,5 Jahren ablegen konnte (dies hat sich durch mein Abitur und den späteren zeitlichen Start gegen Ende des Jahres so ergeben)." Mein Lehrmeister hat kurz vor meiner Prüfung blitzartig die Werkstatt und somit sein Arbeitsverhältnis verlassen, was dazu führte, dass ich die Prüfung dann ohne Lehrmeister abgelegt habe. Dies hat aber gut geklappt, weil wir das Thema Instrumentenbau bereits ausführlich durchgegangen sind." Glück im Unglück!

Kultur- und Wirtschaftsschock
Fünf Arbeitsjahre als Geselle folgten. Er bewarb sich in ganz Deutschland, stieß jedoch auf Schwierigkeiten, vor allem in Bayern. Das Bundesland hat durch jahrelange Erfahrung mit "Ausländern"( hier: Deutschen aus anderen Bundesländern) sehr strikte Annahmerichtlinien entwickelt: Da handwerkliche Berufe auch immer gutes Netzwerken und eine Eingliederung in die Gesellschaft bedürfen, werden lediglich Ortsansässige eingestellt. Doch auch dieses Problem löste sich: Er fand eine Stelle bei Instrumentenbau Glassl im hessischen Nauheim, wo er fünf Jahre lang blieb. Bis ihn die Liebe nach Mannheim trieb und er dort seine erste, eigene Werkstatt in Mannheim eröffnete. Dort knüpfte er gute Kontakte zum Mannheimer Nationaltheater durch die regelmäßig Aufträge entstanden.

In den neunziger Jahren erlebte die Branche der Instrumentenbauer, unabhängig von der Spezialisierung, einen schweren Niedergang, der leider bis heute anhält. "Ausgerechnet die Münchner Firmen, die ich damals zum Bewerbungsgespräch besucht hatte, waren betroffen. Davon sind nicht mehr viele übrig geblieben," beschreibt Mittag. "Mittelgroße Firmen mit 30-100 Angestellten gibt es leider nicht mehr. Auch heute noch ist es eine enorme Herausforderung, den Kopf in der Branche hochzuhalten," weshalb die Zahl der aktiven Instrumentenbauer in Deutschland schätzungsweise gering ist; wohl unter 1000.
Für ihn lief es zunächst gut!
Seine ehemalige, kleine Werkstatt in Mannheim betrieb er fast 20 Jahre lang. Dort bildete er zwei Lehrlinge aus, arbeitete zwischenzeitlich mit zwei Gesellen und einer Hilfsarbeiterin zusammen, "was menschlich toll funktioniert hat aber wirtschaftlich nicht sinnvoll war." Auch durch die Enge und das damit zusammenhängende unstrukturierte Arbeiten sah er sich gezwungen, zwei Maßnahmen zu ergreifen: Das Personal zu verkleinern und gleichzeitig in die jetzige Werkstatt in Heidelberg-Wieblingen umzuziehen, die schon allein durch ihre Struktur ein geordneteres Arbeiten möglich macht. Vielleicht zum Vorteil der früheren Angestellten, denn diese machten sich anschließend selbständig.

Ein Tag in der Werkstatt
Tagtäglich haben Thorsten Mittag und sein Mitarbeiter mit Reparaturen zu tun. Tatsächlich machen diese sogar einen Anteil von ca. 50-60% der regelmäßigen Arbeitszeit aus. "Das ist aber gar nicht schlimm", so Mittag, "sondern eher schön, denn Reparaturen sind eine gute Möglichkeit, Musiker kennenzulernen." Zeitlich bilden Reparaturen also einen Schwerpunkt, wirtschaftlich jedoch nicht. Etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes wird über den Neubau erwirtschaftet. Solche Aufträge kommen jedoch seltener vor und laufen deshalb eher nebenher. "Manchmal bemerkt man diese gar nicht richtig, obwohl sie viele Stunden in Anspruch nehmen. Die Auftragserfüllung verläuft eher heimlich, still und leise. Wenn das Werk dann aber fertig ist und funktioniert, ist das eine wunderbare Sache und eine persönliche Belohnung," schmunzelt Mittag.

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Vielen herzlichen Dank für das schöne Gespräch mit Ihnen, Herr Mittag! Der erste Schritt zur Dokumentation wäre hiermit getan ;-) Auch herzlichen Dank an Julian für die kleine Einführung in den Instrumentenbau!