Die Bratsche und ihr Erschaffer

Instrumentenbauer! Ein Beruf, an den man nicht als erstes denkt, wenn man über Berufe nachdenkt. Dies zeigt, dass man nur wenig über den Arbeitsalltag weiß und selten einen Instrumentenbauer in seinem Bekanntenkreis hat.

Die SINFONIMA-Redaktion hat sich mit Instrumentenbauern unterhalten. Es zeigte sich, dass die Bratsche, möglicherweise ebenso wie der Beruf des Instrumentenbauers, ein lange verkanntes Instrument war, das stets im Schatten der Geige und des Cellos stand. Heute hat sich dies geändert. Die Bratsche ist beliebter geworden. Und ist in ihrer Qualität vergleichbar mit Meisterinstrumenten aus der Zeit des Cremoneser Geigenbaus. Dies liegt nicht nur an den heutigen technischen Möglichkeiten der Herstellung, sondern auch daran, dass die Ansprüche der Kunden an ihr Instrument gestiegen sind. Diese stellen Instrumentenbauer  vor handwerkliche Herausforderungen.


Eine Geige nach Vorbild einer alten Meistergeige zu bauen ist leichter als eine Bratsche. Warum ist das so? Weil es Vorlagen für Geigen gibt, die Instrumentenbauer zur Orientierung nutzen können. Der Bratschenbau ist deshalb schwieriger, weil es kein allgemein gültiges Bratschenvorbild aus einem festgelegten Jahrhundert gibt. Der Grund: Parallel zur Musikentwicklung wurde hinsichtlich der Größe, des Klanges und sogar mit der Form der Bratsche experimentiert. Ihr tieferer Ton im Gegensatz zu dem der Geige wurde lange belächelt. Man zog den klaren Ton der Geige dem "näselnden" der Bratsche, wie er häufig in der Literatur früherer Jahrhunderte zu lesen ist, vor. Hinsichtlich der Spielbarkeit ist die Geige durch die kleinere Korpusgröße bequemer spielbar. Durch die Bauexperimente und Neukonstruktionen versuchten Instrumentenbauer, den jeweils geltenden Vorstellungen von der vollkommenen Bratsche immer näher zu kommen. Dies führte zu einer Vielzahl an unterschiedlichen Modellen: Darunter der aufschlussreiche Versuch des Bratschenvirtuosen Herrmann Ritter, eine Bratsche einfach wie eine vergrößerte Geige zu bauen. Anfänglich mit großer Begeisterung aufgenommen (u. a. von Richard Wagner der die Ritter-Bratsche wegen deren besonderen Klangfarbe in das Orchester einführt hat), stellte sich diese Entwicklung schließlich als Irrweg heraus. Ein einfaches Hochrechnen der Korpusgröße einer Geige, der Stimmlage der Bratsche entsprechend (eine Quinte tiefer), ergibt nämlich ein unspielbar großes Instrument. Allerdings, ein standardisiertes Modell mit Einheitsgröße würde den heutigen komplexen Anforderungen an die Bratsche auch nicht gerecht werden.

Mancher Instrumentenbauer orientiert sich hinsichtlich der Bauart und des Klangideals an Meisterinstrumenten von Amati, da Salò, Goffriller, Maggini, Guarneri und Stradivari. Das Problem hierbei: Es sind nur sehr wenige Instrumente erhalten. Dazu kommt, dass diese in sehr unterschiedlichen Größen existieren. Und ein weiterer Punkt: Detailgenaue Aufzeichnungen, die es von Geigen aus den Jahren 1550 bis 1750 zuhauf gibt, existieren nicht im gleichen Umfang für Bratschen. Manch engagierter Instrumentenbauer fertigt Bratschen somit auch nach eigenen Entwürfen an.

Neue Technik, neues Glück?
Doch müssen es unbedingt Instrumente der alten Meister sein? Sind Neubauten nicht vielleicht gleichwertig oder vielleicht sogar besser? Darüber sind sich die Instrumentenbauer, mit denen wir gesprochen haben, einig: Heutige Bratschen brauchen sich hinsichtlich des Klanges und der Qualität der handwerklichen Ausführung nicht vor den hochwertigen Meisterinstrumenten aus früheren Jahrhunderten zu verstecken. Das heutige Fachwissen z.B. hinsichtlich Materialkenntnis ist groß. Und dank Computertechnologie zur Klang- und -vibrationsmessung ist sehr viel möglich geworden, so dass man sagen kann: heute gebaute Bratschen sind in der Breite sogar "besser" als alte. Und diese Qualität verlangen viele Kunden auch. Geigenbaumeister Gerhard Otto Klier aus Neunkirchen am Brand hat genau diese Erfahrung gemacht. Meisterliche Berufsmusiker von hohem Rang würden sicherlich kein neues Instrument in die Hand nehmen und darauf spielen, das nicht mindestens die (Klang-)Qualität eines ‚alten Meisters’ erreicht.

Der feine Unterschied...
Trotz aller Beherrschung der Bautechnik gibt es aber doch einen feinen Unterschied zwischen den hochwertigen, gut gepflegten alten und den neu gefertigten Instrumenten zu bedenken. Zvi Dori, Geigenbaumeister aus Hannover erklärt: Die alten Instrumente haben einen zeitlichen Vorsprung von etwa dreihundert Jahren. In dieser Zeit konnte sich das Holz bestens entwickeln – reifen. Die jahrelange Einspielzeit und Reifung des Holzes ist klanglich hörbar. Und zwar in einem runden, warmen Ton.

Auch, wenn das hochwertige Holz vor der Verarbeitung bereits zehn, fünfzehn Jahre oder noch länger gelagert wurde, klingen Bratschen aus "jungem" Holz manchmal etwas roh, trocken und zu direkt. Gerhard Otto Klier gibt zu bedenken, dass die Eigenschaften einer Bratsche wie Klangvolumen, Klangfarbe und Klangspektrum, aber auch Ansprache und Tragfähigkeit des Tones nicht nur von der Holzqualität abhängen, sondern mehr noch davon, wie dieses Material zu einer Bratsche geformt und schließlich auch oberflächen-behandelt worden ist. Indem das (neue) Instrument intensiv genutzt, sprich: nachhaltig „eingespielt“ wird, kann die vorhandene Klangsubstanz einer Bratsche optimal entwickelt und „veredelt“ werden.

Das verwendete junge, gesunde Holz hat natürlich auch Vorzüge: Es ist stabil und frei von Schäden wie Verformungen, Wurmfraß oder Rissen, die durch Alterung häufig entstehen.

Hohe Anforderungen haben ihren Preis
Ein Instrument, das die Anforderungen des runden Klanges, der klassisch schönen Optik und der leichten Spielbarkeit erfüllt, hat seinen Preis. So ist es verständlich, dass immer mehr Kunden ihre hochwertige Bratsche als gute Geldanlage betrachten. Kunden dieser Art erwarten dann mit dem Gedanken an einen möglichen Wiederverkauf der Bratsche häufig auch eine "Werterhaltungsgarantie". All dies sind keine leichte Aufgaben für einen Instrumentenbauer. Stets befindet er sich in dem Zwiespalt, zwischen den Vorstellungen eines überaus anspruchsvollen Musikers und den tatsächlichen handwerklichen Möglichkeiten die optimale Lösung finden zu müssen. Letztendlich hat aber auch der Musiker eine Aufgabe: Er muss in der Lage sein, die Eigenart und Persönlichkeit eines jeden Instrumentes zu erkennen oder im Spiel zu erfühlen und einzuschätzen, wie es in unterschiedlicher Umgebung klingt.

 

Die SINFONIMA-Redaktion dankt herzlich den Geigenbaumeistern Gerhard Otto Klier aus Neunkirchen am Brand und Zvi Dori aus Hannover für die Gespräche und Informationen zu diesem Thema.