Gehörschutz im Orchester heute

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"Schwerhörigkeit ist unter Musikern die häufigste Berufskrankheit", so die FAZ 2014. SINFONIMA hat Eckhard Beste gefragt, ob Orchestermusiker ihre Einstellung zum Gehörschutz geändert haben und wie sie sich schützen können.


SINFONIMA bat Eckhard Beste, Geschäftsführer der Hearsafe GmbH um Antworten auf unsere Fragen:


Ein Artikel aus dem "Ärzteblatt" von 2008
beschreibt nach Ohrproblemen den Versuch, sich mit einem Gehörschutz zu behelfen. Allerdings einem unprofessionellen, selbstgebastelten und in Folge dessen sind die Erfahrungen eher schlecht. Welche Erfahrungen machen Sie, Herr Beste: Sind die meisten Berufsmusiker inzwischen aufgeklärt(er), was Gehörschutz betrifft?

Die geschilderten Erfahrungen der Orchestermusiker geben Zielkonflikte und Schwierigkeiten wieder, die grundsätzlicher Natur sind und genau damit kämpfen wir im Alltag. Einerseits sollen die Gehörschutzvorschriften, die für jeden Arbeitsplatz gelten, auch für die Musiker, umgesetzt werden; andererseits ist das "gute Hören Zugang zur Ausbildung Musizierender und Kontrollorgan für alle die Arbeit betreffenden Aspekte: Üben, Vortragen, Zusammenspielen und … auch das Aufgehen im Musizieren.

Die Arbeitsmedizin hat Vorstellungen zum Schutz des Gehörs entwickelt, die möglichst allen Menschen sicheren Schutz vor Beeinträchtigungen garantieren.
Hersteller von Gehörschutzprodukten orientieren sich an gesetzlich vorgeschriebenen Spezifikationen und entwickeln einheitliche Konfektionslösungen.
Und, verbinden deren Angebot mit Leistungsbeschreibungen und Werbeaussage, von denen der Markt am Ende nur noch das "Viagraversprechen für die Ohren" hört.

So einfach ist es mit dem Erhalt der Liebe zum Musizieren nicht. Leistungsvermögen und Belastbarkeit von Menschen sind verschieden und bei genauerem Schauen erkennen wir das. Aber, wir messen mit einfachen Hörtests und versorgen immer noch mit simplen Prothesen.

Ja, die Musiker sind für den Gehörschutz interessierter gemacht worden, aber sie haben nur zu einem Teil und durch die z. T. frustrierenden Erfahrungen mit verschiedenen Produkten zu differenzierten Entlastungsstrategien gefunden.

Zwei Aussagen möchte ich den weiteren Fragen voranstellen: 1. So schnell gehen Ohren nicht kaputt, und 2. Menschen sind unterschiedlich "belastbar" oder auch resilient.

Wann hat sich das Tragen eines (professionellen) Gehörschutzes im Orchester durchgesetzt?

Von "hat sich durchgesetzt" können wir nicht sprechen und dies sollten wir m. E. auch nicht undifferenziert anstreben. Der tatsächliche Nutzungsgrad von Gehörschutz im Orchester liegt bei 15-20 % und dieser Wert schließt insbesondere auch die gelegentliche Nutzung ein. Es geht nicht immer.

Was unterscheidet den persönlichen Gehörschutz im Orchester HEUTE von dem zu anderen Zeiten?

Gehörschutz, geschnitzt aus Holz, Tempo, geknetetes Wachs, Watte, Schaumstoff- oder Lamellenstöpsel waren immer schon im Einsatz. Die maßgefertigten Otoplastiken kamen in den 80igern und dann auch bald der erste "lineardämmende" Gehörschutz. Letzterer in der BRD seit Anfang der 90iger und dies mit vielen Hoffnungen und Versprechungen verbunden. In den letzten Jahren rücken Erfahrungen mit Modifikationen von zertifizierten Produkten in den Fokus, d. h. man "tuned die Teile".

Welche Musiker sind besonders betroffen und sollten sich um einen passenden Gehörschutz kümmern?

Wenn wir das so genau wüssten, wer wann und wie sehr Schaden nimmt ! - Es gibt vor allem zwei Messgeräte um dies zu bestimmen: Den Schallpegelmesser und den eigenen Körper … und musikalisches und psychologisches Einfühlungsvermögen. -Mal ist es das Stück einfach zu laut, mal die Aufstellung ungünstig, mal sind es die Besonderheiten am Proben- oder Spielort und oft ist es auch die eigene Verfassung; vieles kann es unerträglich und vielleicht auch gefährlich werden lassen. Dazu gehört auch die mitunter vermittelte und gar nicht mal sachlich begründete Angst vor einer Schädigung des Gehörs sein.

Wieviel Prozent der heutigen Orchestermusiker, schätzen Sie, könnten bei ausreichender Unterstützung mit einem Gehörschutz arbeiten?

Wenn wir unter Arbeiten nicht verstehen, dass sie immer dann, wenn es laut wird auch mit Gehörschutz spielen können, sondern erreichen wollen, dass der Gehörschutz Teil einer "Dosierungs- und Entlastungsstrategie" ist, die auch Aspekte wie Ernährung und Genussmittel, Stress Bewältigung, Probeverhalten, Ergotherapie und Bewegungsausgleich, organisatorische und berufliche Veränderungen einschließen, wäre es sicher mehr als die Hälfte. Das Bemühen um diese Ziel muss früh beginnen, in Kindergarten und musikalischer Frühforderung und ein musikalischer Faden sein, dem man in Musikschule und Studium, Hobby und Beruf folgt.
Ergänzend möchte ich einfügen, dass es beim Gehörschutz eben nicht nur um den Schutz vor Hörschäden geht. Er soll und kann helfen die Ressourcen zu schonen, denn: Lärm macht müde, laute Musik auch. Das gilt jetzt für fast 100 %.

Die Frage, die Musiker wohl immer stellen, die keine Erfahrung mit Gehörschutz haben: Einen Gehörschutz tragen und gleichzeitig ein Konzert geben. Wie geht das?

Wissen, was geht, üben und weiterlernen und nicht ohne Training gleich olympische Höchstleistungen erwarten. Das Solo ohne Gehörschutz macht die Ohren nicht kaputt, aber vielleicht eine ständige Missachtung der Zusammenhänge von Lärm, Stress, unsolidem Musikerleben, existenziellen Sorgen.

Da können sich zwei Oboen nebeneinander sehr unterschiedlich betroffen fühlen, die eine ist empfindlich und hat Angst, die andere ist robust und es ficht sie nichts an … Versuche dies zu verstehen und die beiden einander verständlich zu machen, ist Teil der workshoparbeit zum Thema Gehörschutz. Kontinuierlich ansprechbar zu sein und gemachte Erfahrungen zu begleiten, gehört zur Arbeit mit den Musikern.

Mit welchen Kosten muss ein Kunde für einen individuell angepassten Gehörschutz rechnen?

Zwischen 150 und 300 € je nach Aufwand der notwendigen Betreuung. Es reicht nicht Maß Anfertigungen zu machen und eine Reihe von Filtern dazu auszugeben. Ich selbst möchte 2 x im Jahr im Orchester sein und wünsche mir immer die betreuende Arbeitsmedizin und die Arbeitssicherheitsfachkraft dazu. Wir arbeiten am gleichen Ziel und müssen eine gemeinsame Vorstellung von den Möglichkeiten und Maßnahmen haben. Und es kostet Geduld auf allen Seiten.

Wie kamen Sie darauf, sich auf Gehörschutz für die Zielgruppe Musiker zu spezialisieren?

Ich war als Pädagoge in der Hörgeräteakustik tätig und es kam ein bekannter Schlagzeuger mit Hörschäden und Tinnitus ins Geschäft … Damit begann ein Jahr später die nunmehr 21-jährige Hearsafe Geschichte. In dieser Zeit konnte ich viele Erfahrungen sammeln und wurde vor neue Fragen gestellt. Das nennt man wohl Entwicklung.