SINFONIMA-Versicherte stellen sich vor - Teil III Geigenbauer Jean Severin

Im Interview weiht Jean Severin uns ein wenig in die Kunst des Instrumentenbaus ein und erzählt mit einem Augenzwinkern u.a. von Schadenfällen, die seinen Berufsalltag bisher erheitert haben und die - zum Glück - ein gutes Ende fanden.


Instrumentenfotos | Bildrechte: Jean Severin | Jean Severin
Personenfotos | Bildrechte: Charlotte Martens | Jean Severin

Der Geigenbauer Jean Severin ist seit 2007 SINFONIMA-versichert. Mehrmals hat er bereits bei verschiedenen Veranstaltungen mit SINFONIMA zusammengearbeitet. Im Interview weiht er uns ein wenig in die Kunst des Instrumentenbaus ein und erzählt mit einem Augenzwinkern u.a. von Schadenfällen, die seinen Berufsalltag bisher erheitert haben, die aber - zum Glück - ein gutes Ende nahmen.
Hier ein Auszug. Das vollständige Interview finden Sie rechts unter Downloads.


Herr Severin, was begeistert Sie so sehr am Geigenbau?

Es hat lange bei mir gedauert, bis ich richtig Feuer gefangen habe. Heute ist meine Werkstatt der Ort, an dem unter meinen Händen Instrumente zur Welt kommen. Und die Reparaturarbeiten sind nicht weniger schön. Kunden, die es nicht fassen können, wie schön das Instrument plötzlich aussieht und klingt - genauso schön wie der tosende Beifall für die Musiker auf der Bühne.

Warum nennt sich der Beruf eigentlich "Geigenbauer", wenn er doch immer auch noch weitere Streichinstrumente baut?
Das ist wohl wie beim Tischler, der ja auch weit mehr macht. Streichinstrumentenbauer wäre ja vielleicht richtiger, ist aber einfach unpraktisch...

Wie beginnt man, wenn man einen Holzstamm vor sich liegen hat oder hat das Holz bereits eine bestimmte Form?
Ich kaufe mein Holz bereits fertig zugeschnitten. Wenn ich in den Alpen wohnen würde, könnte man es wohl mal mit einer ganzen Fichte versuchen. Aber ich schwelge lieber in der Auswahl der großen Holzstapel beim Fachhändler.

Was ist der schwierigste Schritt beim Geigenbau und welcher Schritt ist am Wichtigsten?
Am Schwierigsten ist wohl, dass nichts unwichtig ist. Den größten Einfluss auf den Klang hat sicher die Wölbung und die Stärke von Decke und Boden. Aber bei auch bei jedem anderen Schritt könnte man das Instrument ruinieren.

Saurer Regen und Pestizide werden immer präsenter in unserer Umwelt und beeinflussen die Wälder. Befürchten Sie, dass das Klangholz in Zukunft nicht mehr den qualitativen Ansprüchen gerecht wird und die Klangqualität abnehmen wird?
Es wird sicher nicht einfacher, aber wir brauchen ja nur eine geringe Menge, die sich scheinbar immer noch findet. Raubbau und illegaler Holzeinschlag, kurzfristiges Planen und Handeln sind wohl das größte Problem. Noch profitieren wir von den Forstwirten vergangener Zeiten. Aber wer pflanzt heute die Bäume, aus denen in 200 Jahren Instrumente gebaut werden sollen?

Können Sie die häufigsten Reparaturgründe benennen? Gibt es Schäden, die irreparabel sind?
E
igentlich ist ja nichts irreparabel - aber man muss immer abwägen, ob es sich lohnt. Wenn ein Instrument nur noch 500 € Wert ist, sollte man nicht 1000 € investieren - es sei denn, es ist ein Erbstück oder emotional besonders wertvoll. Die Entscheidung trifft immer der Kunde - ich muss ihn nur fair beraten.

In allen Lebensbereichen wird sonst auch modernste Technik bevorzugt. Wieso bevorzugen viele Künstler alte Violinen? Was halten Sie als Instrumentenbauer von E-Instrumenten? Sehen Sie Ihren Berufsstand durch diese Entwicklung gefährdet?
Ich hatte schon einmal eine E-Geige in der Werkstatt. Die bedroht mich gar nicht. Eine alte Geige zu spielen ist auch schön. Die Instrumente müssen alle gewartet werden. Die Preisentwicklung treibt die Kunden eher zu unseren neuen Meistergeigen. Schrecklich ist die Wegwerfmentalität, die es auch bei Streichinstrumenten gibt. Geigen für 50 € sind ein Graus. Sie funktionieren nicht, aber manchen Eltern ist es egal und die Kinder können sich nicht wehren.

Teilen Sie den tollsten Moment Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn mit uns?
DEN Moment gibt es nicht. Es sind die vielen kleinen Geschichten. Neue überraschende Kunden die zu mir kommen, weil jemand euphorisch von der Werkstatt geschwärmt hat. Musiker die skeptisch sind, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben und dann Vertrauen fassen und glücklich sind. Jedes neue Instrument, was in die Welt entlassen wird ist so ein großer Moment.

Bei welcher/m Künstler/in standen Sie das letzte Mal VOR der Bühne oder nennen Sie uns eine/n Künstler/in, der Sie derzeit besonders begeistert? Gerne auch einen aus Ihrer Sicht echten Geheimtipp.
Ich komme gerade aus dem Iran zurück. Wer einmal ausgezeichnete persische Musik mit Geigen hören will, sollte Konzerte von Azadeh Shams & Behrang Azadeh hören. Nach diesem Konzertbesuch packen sofort viele Menschen die Koffer und bereisen Persien, so groß wird das Fernweh.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Kunden mit auf den Weg geben?
Sie können jederzeit vorbeikommen. Einen fachmännischen Blick auf das Instrument zu werfen kostet nichts, kann aber langfristig viel Geld sparen. Die Stege immer gerade zu rücken, Saiten einzeln zu wechseln und die Instrumente nach dem Spiel gleich mit einem trockenen Tuch abzuwischen - ist gut für Instrument und Musiker.

Das vollständige Interview finden Sie rechts unter Downloads.

Übrigens: Jean Severin nimmt an der kommenden Klanggestalten-Ausstellung am 28. und 29. November 2015 im kleinen Konzertsaal der Hochschule für Musik und Theater München teil.

Herr Severin, ganz herzlichen Dank im Namen des SINFONIMA-Teams für das schöne und informative Interview mit Ihnen!  Wir haben einiges über den Geigenbau gelernt!