Meistergeigen für meisterhafte Musikerinnen

Aleksandra Szurgot und Clara Plößner haben beide ein großes Talent. Die Geigerinnen sind dieses Jahr zwei von insgesamt acht Preisträgern des SINFONIMA®- Wettbewerbs. Clara Plößner wird bereis zum zweiten Mal mit der Leihgabe einer Rogeri-Geige über die SINFONIMA®- Stiftung gefördert, Aleksandra Szurgot freut sich das erste Mal über die Bertoni- Geige, die ihr nun für zwei Jahre zur Verfügung steht.

Wir sprachen mit beiden über ihren bisherigen musikalischen Weg, fragten nach Träumen, ihren Vorbildern und worin eigentlich der Unterschied zwischen einer zeitgenössischen Geige und einer 300 Jahre alten Meistergeige besteht.

Aleksandra Szurgot ist seit 2011 Studentin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Derzeit absolviert sie ihre künstlerische Ausbildung im Fach Geige und wird nach dem Sommersemester dieses Jahr ihr Studium mit dem Diplom beenden. Im November 2012 gewann sie den 9. Tansman Wettbewerb. Dieses Ereignis wird ihr ermöglichen, bei zahlreichen Konzerten auftreten, zum Beispiel als Solistin der Lodzer und Silesier Philharmonikern. Außerdem sammelt sie Erfahrungen im Bereich Kammermusik. Zukünftig möchte sie gerne neben der Solo-Tätigkeit, eine feste Kammermusikbesetzung haben und/oder in einem guten Orchester mitspielen.

Clara Plößner studierte an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin in der Klasse von Prof. Saschko Gawriloff. Seit ihrer Kindheit nahm sie regelmäßig am Wettbewerb "Jugend musiziert" teil und erlangte erste Preise auf Regional-, Landesund Bundesebene. 2009 war sie Finalistin des internationalen "Königin Sophie Charlotte Wettbewerb für Violine" und spielte bereits auf zahlreichen (inter-)nationalen Festivals mit, darunter dem "Encuentro de Música y Academia de Santander" in Spanien oder als Solistin mit der Polnischen Kammerphilharmonie.

Was faszinierte Sie bereits als Kind am Geigenspiel? Warum haben Sie sich damals entschieden, Violine zu lernen statt z.B. Klavier?

Aleksandra Szurgot: Ehrlich gesagt, war das keine leichte Entscheidung. Ich hatte immer ein Klavier zu Hause und ich erinnere mich, dass ich sehr oft nach Gehör herumklimpert habe. Geige habe ich auch probiert, mein Vater spielt nämlich Bratsche in einem Sinfonieorchester und ich habe sehr oft seinen Konzerten zugehört. Bei der Aufnahmeprüfung bei der Musik-Grundschule in Polen, wo ich herkomme, konnte ich mich nicht entscheiden: Geige oder Klavier? Die Kommission hat so bemerkt, dass ich für beide Instrumente veranlagt bin. Sie hat mir vorgeschlagen, mit beiden Instrumenten anzufangen und danach zu wählen. Aber ich war eigentlich genau so gut mit der Geige wie mit dem Klavier, bzw. konnte ich sogar besser Klavier spielen – da habe ich meine erste Wettbewerbe gewonnen. Aber nach der Zeit ist es schwer geworden, genügend Zeit zu finden, um auf beiden Instrumenten genug zu üben und die 'normale' Schule fortzusetzen, ich war immer ehrgeizig und hatte sehr guten Noten. Und da kam irgendwie die Entscheidung, Geige zu wählen. Aber Klavier zu spielen macht mir immer noch viel Spaß!

Clara Plößner: Bereits mit vier Jahren wollte ich unbedingt Geige spielen. Ich habe keine Ahnung, warum ich es wollte, oder woher ich wusste, was überhaupt eine Geige ist. Wir haben weder einen Geiger in der Familie, noch kann ich mich an ein einschneidendes Konzerterlebnis erinnern. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich es unbedingt wollte, und daran, wie ich endlich zum ersten Mal eine Geige in der Hand halten konnte.

Wie kam es zu der Entscheidung, Musik nicht nur als Hobby zu betreiben, sondern Musik zu studieren um eine musikalische Karriere zu starten?

Clara Plößner: Das war zunächst eigentlich keine bewusste Entscheidung. Der Wunsch, Geige zu spielen und Musik zu machen war von Anfang an so groß, dass es für mich keinen Sinn gemacht hätte, eine andere Berufsausbildung anzustreben. Als ich jedoch mit vierzehn zum ersten Mal auf einem Kammermusikkurs mit dem Mandelring-Quartett war, habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir die intensive musikalische Arbeit mit anderen jungen Musikern macht. Da war es für mich dann endgültig klar, dass die Musik mein Weg sein würde.

Aleksandra Szurgot: Ich stamme aus einer musikalischen Familie: meine Mutter spielt Gitarre und singt, mein Vater ist, wie schon gesagt, ein Bratschist. Musik ist in meinem Leben immer präsent gewesen. Also war es ganz natürlich, dass ich anfing, eine Musikschule zu besuchen (Anm. der Red.: in Polen bezeichnet "Musikschule" eine Schule, die Gehörbildung, Harmonie, Musikliteratur etc. anbietet und für die eine Aufnahmeprüfung absolviert werden muss). Nach neun Jahren hatte ich eine Krise und wollte 'normal' sein – ohne soviel Zeit beim üben verbringen zu müssen. Meine Eltern haben mich nie zur Musik gezwungen und ich durfte die Schule wechseln. Ich war aber wohl nicht fest entschlossen und habe den Aufnahmeprüfungstermin verpasst. Nun 'musste ich wieder Geige spielen’ aber das hat dann immer mehr Spaß gemacht. Ich habe einen wunderbaren Lehrer getroffen und habe endlich wirklich angebissen (lacht).

Wie erklären Sie einem Laien den Unterschied des Spiels zwischen einer Geige, die in der heutigen Zeit hergestellt wurde und einer Geige aus dem 17./18. Jahrhundert?

Aleksandra Szurgot: Ich hatte bereits die Möglichkeit, verschiedene, wirklich alte Geigen ausprobieren, aber leider nie länger als für ein paar Minuten. Das Holz eines zeitgenössischen Instruments ist noch gesund und hat im Regelfall keine Probleme mit Brüchen usw. Im Gegensatz zu der alten Geige, soll es auch weniger empfindlich gegenüber Wetter- und Temperaturschwankungen sein, reagiert weniger stark darauf. Es hat aber noch nicht seinen vollen Charakter. Man muss die Geige 'in Form' spielen, einen schönen Klang 'beibringen', was aber nicht immer ganz möglich ist.

Ein altes Instrument ist eher 'launisch' und reagiert empfindlicher auf wechselndes Wetter und Temperaturschwankungen, aber es hat schon seine eigene Geschichte. Ein Musiker muss einen Weg zu finden, die Feinheiten dieses alten Instruments zu entdecken. Man muss sich an das Instrument anpassen, um die Vorzüge und besonderen Eigenschaften zu entdecken und eine entsprechende musikalische Sprache zu finden. Zusätzlich, wenn man sich vorstellt, wie viele Leute bereits mit der Geige musiziert haben, wie viele Geschichten sie verbergen…ist es phantasieanregend und inspirierend (lächelt).

Clara Plößner: Rein spieltechnisch gibt es zwischen einer modernen Geige und einer Geige aus dem 17. Jahrhundert, wie der Rogeri-Violine, die ich gerade spiele, keinen Unterschied. Denn die meisten alten Geigen wurden später nach den Anforderungen der virtuosen Geigenliteratur des 19. Jahrhundert umgebaut. Allerdings macht es für mich einen großen emotionalen Unterschied, ob ich auf einem Instrument spiele, das noch nie gespielt wurde, das sich sozusagen noch im „Rohzustand“ befindet, oder auf einer Geige, in der über 300 Jahre Geschichte stecken, die von verschiedensten Geigern klanglich geformt wurde und dadurch ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter entwickeln konnte.

Wie kann die Meistergeige Ihr Können fördern?

Aleksandra Szurgot: Ich habe die Bertoni-Geige gerade erst bekommen und hatte noch keine Möglichkeit, sie ausprobieren. Ich bin aber sicher, dass dieses alte Instrument mir helfen wird, mein Potenzial zu unterstützen und zu betonen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Spielen anfühlen wird und wie sich das Instrument z.B. in der Kammermusik unter die Klänge der anderen Instrumente mischt. Außerdem, für jeden Musiker ist es ein Traum, ein altes Instrument zur Verfügung zu haben!

Clara Plößner: Ich bin wahnsinnig glücklich und dankbar, dass ich die Rogeri-Violine spielen darf. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie in die Hand nehme. Sie bietet mir ein unendliches Spektrum an klanglichen Möglichkeiten, mit denen ich mich musikalisch ausdrücken kann.

Sie inspiriert mich und fordert mich heraus die Klänge zu erkunden, die sie mir bietet und neue Farben zu entdecken. Sie hat ein ungeheures Klangvolumen und lässt sich gleichzeitig sehr geschmeidig spielen, wovon ich vor allem in Konzerten immer wieder profitieren kann.

Welches Konzert, welcher Erfolg wäre Ihr größter Traum?

Clara Plößner: Wenn die ganze Anspannung abfällt, es nur noch die Musik, mich und das Publikum gibt, und ich völlig frei musizieren kann, dann ist das das Größte für mich. Wo ich spiele, also ob auf einer großen Bühne oder im kleinen Rahmen, ist dann nicht wichtig. Aber natürlich ist es besonders schön, wenn ich in solchen Momenten ein größeres Publikum erreichen kann.

Aleksandra Szurgot: Ich versuche immer, nicht mit den Gedanken voraus sein, sondern mich auf den Moment zu konzentrieren. Dann freut mich jeder Auftritt und Erfolg wirklich sehr – ohne enttäuscht zu werden.

Haben Sie ein musikalisches Vorbild?

Aleksandra Szurgot: Da gibt es ein paar Musiker, die wichtig für mich sind und dessen Interpretationen und Persönlichkeiten ich sehr schätze. Ich habe jedoch kein wirkliches Vorbild. Ich versuche einfach von jedem wertvollen Musikern und Mensch einholen.

Clara Plößner: Natürlich habe ich Vorbilder, die mich in meinem Spiel inspirieren und prägen, wie z.B. die verschiedenen Lehrer und Professoren, die mich bis jetzt im Studium und auf Meisterkursen betreut haben oder auch Musiker aus dem Konzertleben. Aber mir gefallen meist verschiedene Facetten von verschiedenen Musikern und im Laufe der Zeit ändert sich auch mein Geschmack. Daher kann ich mich gar nicht auf ein Vorbild beschränken. Zur Zeit höre ich sehr gerne Christian Tetzlaff, Leonidas Kavakos oder auch András Schiff – eigentlich drei sehr unterschiedliche Musikerpersönlichkeiten.

Wir gratulieren Ihnen und auch den weiteren Gewinnern des diesjährigen SINFONIMA® - Wettbewerbs ganz herzlich, dass Sie den Wettbewerb für sich entschieden haben und die kommenden zwei Jahre Ihrer musikalischen Karriere mit einem Meisterinstrument beschreiten können. Wir hoffen, Sie dadurch auf Ihrem Lebensweg unterstützen zu können.

Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, uns unsere Fragen zu beantworten. Es war toll, Sie beide näher kennen zu lernen!